Weltenbummler erzählen















 Reise-Tagebuch - Der Kaukasus-Trip  Seite 2


Kaukasien

Mittwoch - 17. Juli
 

Im Morgengrauen um Vier erwache ich vom Gebetsruf des elektrisch verstärkten Muezzin und schalte den eigens vorbereiteten Walkman an. Um Acht allerdings, bei der Aufwachzigarette, stellt sich heraus, dass ich gar nicht aufgenommen habe.

Die allgemeine Dusche auf der Etage unter uns erweist sich als sauberer als die hier. Kaffee und Wasser im kleinen Stadtpark, Anna holt Gebäck. Der x-te nette Türke spricht uns an, ob wir Hilfe brauchen etc. Rucksäcke holen, Hotel bezahlen, bergab zur großen Straße nach Osten. Nach 10 Min. (und etlichen Taxis) hält ein Minibüs Richtung Rize. Mittleres Chaos, Leute steigen ein und aus. Irgendwo müssen wir umsteigen. Das ist ein richtiger Kleinbus, ein taubstummer Türke lacht uns an, und als ich für einen Opa aufstehe, werde ich fast gewaltsam aber erfolglos genötigt, mich wieder zu setzen.

In Rize kaufen wir erstmal Milch. Der Taubstumme bringt uns an eine Stelle, wo wir auf einen großen Bus warten sollen. Als dann ein Minibüs nach Hopa und Sarp (dem Grenzort) kommt, ist er entsetzt, dass wir einsteigen. Wir nicht. Leider halten die beiden Typen in allen Orten alle 50 Meter, wenn noch Platz im Wagen ist.

Es dauert, doch am frühen Nachmittag sind wir an der Grenze. Türkischer Stempel, 50 Meter Niemandsland, georgische Kontrolle Nr. 1: Pässe weg. Zum nächsten Fenster: je 3 USD für Computerkontrolle, mit Beleg, Pässe wieder. Kontrolle 3: Die Frau, die ihre Fingernägel macht, ist doch ganz nett. Wir müssen Formulare ausfüllen, woher, wohin, wieviel welches Geld dabei, ob nuclear objects etc. Stempel. Kontrolle 4 schaut Pässe und diese Formulare an, sammelt Belege ein und lässt uns gehen.

Kaffee, Borjomi-Mineralwasser und Gebäck? Bei einer Oma wechsele ich 20 Euro in 40 Lari. Anna findet dann, statt Marshrutka (=minibüs) sollten wir ”privat” trampen und spricht ein paar Leute an. Einer mit PKW will 40 USD für die Fahrt nach Batumi haben, ich handele ihn auf 20 Lari, also etwa ein Viertel, herunter. Er fährt wie der Henker, gelegentlich im Zickzack durch die Kühe auf der Straße.
Schneiderladen in Batumi
Schließlich Batumi, Hotel Bakuri — da habe ich vor zwei Jahren einen Geldautomaten gefunden. Wir steigen aus bei der katholischen Kirche (die längst mangels Katholiken orthodox ist), wo auch die Kleinbusse nach Tbilisi fahren.

Zielstrebig kommen wir in die Ecke, wo ich vor zwei Jahren geschlafen habe. Hier muss es sein! Geht es hier rein? Da? Neues Haus. Komisch.

Aus dem Haus kommt eine junge Frau, die sehr gut Deutsch spricht. Ich beschreibe ihr den Hinterhof. Sie weiß nichts. Sie sind aus Tbilisi und wohnen hier in den Ferien, gemietet. Überhaupt: hier gibt es noch zwei freie Zimmer mit je zwei Betten … 30 Lari am Tag. Mit Dusche. Ja, nehmen wir. Eine Oma taucht auf, die Vermieterin, und bezieht die Betten.

Wir gehen Richtung Strandpromenade, Kaffee und (endlich:) Kazbegi-Bier. Tagebuch. Anna läuft herum, vor mir parken bewaffnete Typen. Mafia? Dann gehen wir schwimmen. Der Strand hat zwar nur Kies, aber das Wasser ist angenehm, eher lau.

Hunger! Wir gehen zum großen Platz vor dem Bazar. Erinnere mich an die große Gaststätte. Nein, Schaschlik gibt es hier nicht, nur kalt, was im Thresen zu sehen ist. Wir wählen: 1 Teller mit gebratenem Fleisch + Zwiebeln, 1 Teller Tomaten-Gurken-Salat, 1 Teller mit weißem Käse in Scheiben, 1 Teller Möhrensalat mit seltsamem Aussehen (war toll: mit Koriander u.a.) und 1 großes Stück Brot, dazu für Anna 1/2 Liter irgendeine Fruchtlimo und für mich 1/2 Liter Bier. Die Frau rechnet am Abakus: alles zusammen für 4,30! Es schmeckt gut und ist fast zuviel. Vom Nebentisch bekomme ich ein Bier spendiert. Anna will herumlaufen und dann ”nach Hause”. Ich bringe dem Mann auch ein Bier und setze mich dazu. Small Talk mit Russkij, Anglisskij, Händij und Füssij, nett und lustig.

Dann will auch ich bettwärts. Unterwegs werde ich von zwei jungen Männern angesprochen, einer davon in Uniform. Ich will eigentlich weiter, aber sie wollen unbedingt ein Bier mit mir trinken. Na gut, sie bezahlen es auch. Es sind beides russische Soldaten, und als ich versuchen will zu erfahren, was sie denn in Georgien zu suchen haben, setzt sich ein Georgier von Nebentisch zu uns, gibt ihnen aber nicht mir die Hand und agitiert die beiden Russen heftig an. Schimpft er auf die Deutschen? Na, wohl eher auf die russische Politik. Die beiden Russen kommen gar nicht zu Wort, und ich gehe, verabschiede mich von den beiden, aber nicht von dem Georgier.

Anna sitzt auf dem Bett und schreibt. Aha, die Vermieterin hat nebenan eine Bier- und Sonstwie-Bude. Dort sitzen Leute vor der Tür, ich setze mich noch dazu.


Donnerstag, 18. Juli 2002

Trotz Kinderlärm im Vorraum erwache ich erst gegen 10:45 — na gut, in der Türkei ist es
jetzt 8:45 und in Deutschland 7:45. Anna schläft selig. Da bemerke ich, dass ich meine Allergie bekomme: Hautquaddeln, Rötung, es beginnt zu jucken. Nehme Tropfen, 10 Min. später ist das Jucken vorbei, die Rötung bleibt bis zum Abend. Durch das viele Laufen gestern in den Badelatschen habe ich mir irgendwie die Zehen verbogen, und ein Bier zuviel war es wohl auch.

Wecke Anna. Dusche. Kaffee und Borjomi am gewohnten Ort. Wir brauchen Geld, also in der Mittagshitze los. Komisch: kaum einer kennt eine Bank (später wird klar: alles geht bar oder gar nicht). Eine Wegweisung jedenfalls ist ungenau, wir wollen also zum Hotel Bakuri. Unterwegs kommen wir an die Bank of Georgia, wo ich vor zwei Jahren zum Hotel geschickt worden bin. Siehe da: hier gibt es jetzt einen Geldautomaten. Nje rabotajet. Morgen! Wir gehen zum Hotel, aber dort gibt es keinen Automaten mehr. Man holt einen Jüngling, der gut Englisch spricht. Bankomat? Bank of Georgia. Ähm. Also gestern ging der Automat noch…

Im amerikanischen Führer stehen noch zwei weitere Banken, die eine gibt es nicht mehr, in die andere — schick und glitsch — lässt man uns nicht erst ein. Wahrscheinlich braucht man dafür eine Million oder eine Pistole… Das Geld wird knapp. Tausche die letzten Dollar.

Wir gönnen uns einen verspäteten Mittagsschlaf, trinken dann Kaffee und gehen schwimmen. Halt, vorher wollten wir noch zur Maritime Bank am Hafen, aber die haben wir nicht gefunden bzw. wollten in der Hitze nicht noch weiter laufen. Wir baden mehrfach gründlich und gehen wohlgemut davon aus, dass wir morgen früh Geld bekommen, das Quartier (2x 30 Lari) und das Marshrutka (2x 16) bezahlen können, das ab 9 Uhr zweistündlich nach Tbilisi geht.

Erstes Packen. Hunger! Ich möchte gerne ein richtiges Schaschlik essen, das ist schließlich der russische Name des georgischen Nationalgerichtes. Wir gehen landeinwärts, um ein nettes, vielleicht nicht zu teures Restaurant zu finden, wo man auch draußen sitzen kann. Finden wir. Für uns wird die Musik extra laut gestellt, das wäre nicht nötig gewesen. Lecker Salat kommt: Tomaten, Gurken, Zwiebeln, reichlich Kräuter inkl. Koriander. Dazu Brot und Getränke. Schließlich Schaschlik, richtig am Spieß: ob sie das abmachen soll? Paschallista, bitte — und sie müht sich reichlich. Der Spaß kostet noble 16 Lari, ist es aber wert.

Anna möchte noch zum Hafen, ich lieber nach Hause, mich zu den Leuten setzen. Komme an eine Ecke, an der ich noch nicht war, und die Straßenbeleuchtung ist aus. Bin mir unsicher, auf welcher Achse der Planquadrat-Straßen ich bin. Werde in eine Richtung gewiesen, auf die ich nun wirklich nicht gekommen wäre, bis ich merke, dass ich mich dem Restaurant wieder verdächtig nähere. Nun frage ich im Finstern gleich zweimal nach einander nach der dummen Didibank, die bei uns ja gleich um die Ecke ist — und erhalte identische Auskunft, natürlich wieder in die andere Richtung. Ganz schnell bin ich da, Anna ist mittelmäßig entsetzt und schon länger da, ihr war es zu dunkel. Sie wollte Tagebuch schreiben, aber wir hatten das Zimmer abgeschlossen, und hier komme ich mit dem Schlüssel. Aber mit dem Tagebuch wird es nichts; die Straßenclique spielt ein Kartenspiel namens Joker und weiht Anna ein. Schließlich müde ins Bett.

Nachtrag: Verabredungsgemäß am späteren Nachmittag George Togaridze in Tbilisi angerufen, der uns ein günstiges Appartement besorgen will. Wir melden uns wieder morgen am Nachmittag, wenn wir in Tbilisi sind.

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Texte und Fotos

© Wieland Ulrichs

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