Weltenbummler erzählen
















Bemerkungen
zur Reise

Übernachtet haben wir 
zumeist auf Campingplätzen, die alle zufriedensteIlend und mit Stadt- oder Regionalbussen zu erreichen waren. Abends sind häufig die Verbindungen schlecht. Manche Veranstaltungen beginnen erst um 22 Uhr, und man kommt danach nicht mehr zurück.

Beim wilden Campen am Rande von Parks etc. hatten wir keine Probleme; unser Gepäck war stets unangetastet, wenn wir es irgendwo abgeladen hatten, Die zahlreichen "amtlichen" Pilger-
herbergen haben wir nicht benutzt, weil wir ja keine "echten" Pilger waren, denen man diese Unterkünfte nicht wegnehmen sollte.

Will man nicht selbst in der großen Hitze zwischen 13 und 16 Uhr Siesta machen, so ist dies die ideale Zeit für einen Stadtrundgang: einfach nichts los, aber die Kaffee-Bars haben geöffnet. "Jara" ist dafür ein wichtiges Wort, das ist nämlich ein Halbliterkrug, der den sonst üblichen Bierportionen von 0,2 Litern oder noch weniger klar vorzuziehen ist, und "cafia" ist das vom Zapfhahn ...

In den Oficinas de turismo erhält rnan gratis Heftchen mit Stadtplan, Hinweisen auf Sehenswürdigkeiten etc. Die aus Santiago und La Corufia äußern sich durchaus kritisch über Jakobslegende und andere "historische" Dinge - auch die Frage, was Compostela eigentlich bedeute, wird diskutiert: campus stellae, das Feld, wo irgendjemand irgendwann irgendeinen hellen Stern gesehen haben soll, ist keinesfalls die einzige Interpretation; compos stelae, vulgärlatein für "Herr des Grabes" ist vielleicht plausibler.

Zuguterletzt: als Reisenden auf dem Camino de Santiago wurde uns "Caminandos" große Herzlichkeit entgegengebracht, was sich in der Bedienung in Bars zeigte, uns wurden Früchte geschenkt usw.
Wir hätten wohl beim Trampen ein Santiago-Schild dabei haben sollen.




 Reise-Tagebuch - Der Jacobsweg Seite 2


Kathedrale BurgosVon Logroño bis Burgos brauchten wir zwei Tage -
keine 120 Kilometer, dafür aber stundenlanges Trampen bei
38 Grad im Schatten, allerdings ohne Schatten. Zwischendurch machten wir Station in Santo Domingo de la Calzada.

Dieser heilige Dominik hatte im 11. Jahrhundert eigentlich Einsiedler werden wollen, doch nach seiner Grundausbildung als Mönch beschloss er, die Pilgerwege zu verbessern. Calzada ist der befestigte Weg, und diesen Zusatz tragen viele andere Orte entlang des Jakobsweges.

Der Wegebaumönch wurde natürlich angemessen in einer sehenswerten Kathedrale begraben, in der sich aufgrund einer Zusatzlegende ein - Hühnerstall befindet. Leider war der nicht sonderlich fotogen.


Überhaupt gibt es eine Reihe typischer Ortsnamen entlang des Pilgerweges. Villafranca de XY etwa deutet darauf hin, dass dieser Ort von Franken besiedelt wurde, womit allgemein die Fremden aus dem Osten gemeint waren.

Da Gefahr gleichermaßen von irgendwelchen Räuberbanden wie von den einiges weiter südlich lebenden Mauren drohte, waren Befestigungen angesagt, die man indogermanisch burgo nannte.

Der Name Burgos in Kastilien, ehemals Königssitz, deutet also darauf hin, dass hier gleich mehrere ausländische "Kolonien" bestanden. Dementsprechend wirkt die Altstadt wie ein multikulturelles Baustil-Museum mit romanischen Bauten wie auch üppig barocken, strengeren Renaissance- Gebäuden und natürlich gotischen in unterschiedlichsten Versionen: deutsch, französisch, französisch-spanisch und isabellinisch, womit der spätgotische spanische Ornamentstil des 15. Jahrhunderts gemeint ist. Danach kam übrigens noch der platereske: Dekorationen im flachen Relief nach Art der ursprünglich arabischen Silberschmiede (daher der Name), die sich auf Altare, Portale usw. beschränkten.

Ähnlich vielfältig und dennoch sehr ausgewogen ist die 1221 begonnene große Kathedrale von Burgos, in der man getrost mehrere Tage verbringen kann. Dort kauften wir die CD der Gruppe "Einfaches Lied", die sich der traditionellen religiösen Musik der Region verschrieben hat und diese aufführt mit Gesang a capella und zu Flöten, Gitarren, Drehleiern, Ud, Perkussion und einmal Orgel.

Gleich neben der Kathedrale ist übrigens die Kirche San Nicohis mit einem überdimensionierten isabellinischen Alabasterretabel, soll heißen: Steinaltar aus dem Jahre 1505. Der stammt von einem Francisco de Colonia alias Simon von Köln.

Am Fluss entlang führt die Avenida del General Franco, womit natürlich der Weiland Diktator gemeint ist. Auch in anderen Orten und Regionen, sogar in Galicien gibt es nach ihm benannte Straßen - erstaunlich, dass die neue spanische Demokratie bei aller Liberalität solche Bezeichnungen nicht über Bord geworfen hat. In der Nähe des Bahnhofs ist ein teilweise leerstehendes, teilweise anders genutztes Kasrnengelände: hier hatte Franco während des Bürgerkriegs (1936- 39) sein Hauptquartier. Das immerhin brachte der ehemaligen Residenz einen Aufschwung - heute ist Burgos eine große, pulsierende Stadt, die im alten Zentrum Geschichte atmet und erschreckend viele Bankfilialen aufweist. Doch bevor ich das reflektiere, hören wir uns lieber eine CD mit Liedern aus dem Bürgerkrieg an, gemeint sind republikanische:

Von Burgos nahmen wir einen Bus nach Sahagún (sprich: Ssa-a-gún), das für seine mudejaren Kirchen bekannt ist. Bei der Bushaltestelle hängten wir einen nassen Schlafsack und ein nasses Zelt über einen Zaun, da uns in Burgos ein unglaubliches Gewitter erfrischt hatte. Bei der Suche nach den Zentrum begegneten uns viele Leute, die offenbar ungeheure Mengen eingekauft hatten.

Siehe da, es war Markttag, und auf einem Platz saß auf einer überdachten Plattform ein Blasorchester, das dann auch bald anfing - mit "Yesterday". Dann gab es ein paar Samba- Verschnitte, wie sie überall im Radio zu hören waren, und immerhin ein bisschen Traditionelles, alles ein wenig schräg, wie man es von einer richtigen Kleinstadtpfeife erwarten darf. Die vielen Marktstände waren lebhaft besucht. Einem Plakat entnahmen wir, dass heute der "Tag des Pilgers" war - mit 30 Minuten Blasmusik und abends einer Stadtführung. Wir gingen zur mudejaren Kirche San Lorenzo, hielten Siesta auf einem Schulhof und nahmen dann den Zug nach León.

Kathedrale Leon
León, ehemals Hauptstadt des gleichnamigen Königreichs, bevor es in mehreren Anläufen im
13. Jahrhundert endgültig mit Kastilien vereinigt wurde - dieses Leon ist in seiner Altstadt viel "spanischer", strenger als das multikulturelle Burgos.
 
Kathedrale in Leon




Die Kathedrale aus dem 14. Jahrhundert ist ein Meisterwerk französisch-spanischer Gotik mit einem entscheidenden Konstruktionsfehler: zu leichtfüßig, zu schlank und licht gebaut, musste die Kathedrale alle paar Generationen aufs Neue vor dem Einsturz gerettet werden.

Was Helligkeit, Offenheit und Freundlichkeit betrifft, ist Santa María la Regla das schönste Bauwerk, das ich je gesehen habe, hier kann man einfach die Seele baumeln lassen.

Wanderweg
Wir hatten uns zu einem Wandertag entschlossen: wenigstens einen Abschnitt wollten wir so richtig wie die Pilger gehen. Dafür hatten wir uns im Reiseführer einen 20-Kilometer-Abschnitt zwischen León und Astorga ausgesucht, der dann auch landschaftlich interessant war. Allerdings war es so etwas wie der heißeste Tag des Jahres, rund 40 Grad mit herzlich wenig Schatten.


In einem mühsam erreichten Wäldchen machten wir mehrere Stunden Siesta, bevor wir eine steppenartige Hochebene mit ein paar Ruinen aus Adoben (luftgetrockneten Ziegeln) erreichten, an deren Ende wir für ein sturzflutartiges Gewitter einen Unterstand fanden. Kurz danach war es so heiß wie zuvor, und im nächsten Dorf bekamen wir Limonade in geeisten Gläsern, auf denen sich gleich eine Eisschicht bildete: einfach unsittlich kalt und sehr willkommen.

In Ponferrada kurz vor Galicien - so benannt nach einer mit Eisenklammern befestigten Brücke des 11. Jahrhunderts - kamen wir spät abends an und bauten unser Zelt im Mondlicht zwischen Baustellen und einem Park auf. Musikalischer Höhepunkt (?) war ein in der Nähe statt findender Diskjockey-Wettbewerb bis fünf Uhr früh. Das Trampen in ein Bergdorf in der Nähe klappte nicht, und die.riesige Templerburg gab es nur von außen zu sehen, schließlich war Montag.

Der amtliche Pilgerpfad sollte jetzt quer durch die Berge führen ohne eine halbwegs vernünftige Straße in der Nähe. Wir nahmen also die Bahn nach Orense, auf Galicisch mit einem U, wo eine jugendliche Gruppe mit 56 Dudelsäcken, dazu mit Trommlern usw. beheimatet ist:

Im südwestlichsten Teil von Galicien, kurz vor Portugal, liegt Vigo. Von dort kommt ein 1970 geborener Musiker, der eigentlich Blockflöte studiert hat. Sein Ruhm kam allerdings schon vorher: 1983 fiel beim Festival Interceltique in Lorient/Bretagne er als Gaita-Spieler auf, der in der Folge mit den irischen Chieftains tourte und Aufnahmen mit Größen aus dem Pop geschäft machte. Seit letztem Jahr ist er mit der Band unterwegs und landete als einer der wenigen Folkmusiker bei einem Major-Label:

Die Tageszeitung offenbarte es: in der Hafenstadt La Coruña, keine hundert Kilometer nördlich von Santiago, hatte ein keltisches Festival mit diversen Gästen aus Irland, Schottland, Wales und der Bretagne begonnen - den Auftakt mit Milladoiro hatten wir verpasst. Klar, dass wir unser Minizelt abbrachen und nach La Coruña umzogen.

Galicische FrauengruppeDer Kern dieser reichlich großen Stadt liegt reizvoll an einer Flussmündung auf einer felsigen, T-förmigen Halbinsel. Die Stadtverwaltung hat eigens ein "De partamento de Fiestas", wo wir uns für das "Festival do mundo celta" (bitte: kelta) akkreditieren lassen wollten.

Der Beamte hatte das noch nicht erlebt, schließlich war das Festival kostenlos ... Ein Programm gab es nicht, und der Termin fürs nächste Jahr? Irgendwie Mitte August oder danach.

So hörten wir denn in einem beeindruckenden Park aus der Gründerzeit ein buntgemischtes, natürlich stark Dudelsack-haltiges Programm, bei dem uns die galicischen Gruppen mit Musikern, Tänzern und auch Sängern am meisten interessierten. Von solchen Festivals gibt es natürlich Aufnahmen, ein älteres Beispiel beschließt diesen Artikel.

In Ortigueira im nordöstlichsten Zipfel Galiciens fand am 19. und 20. August 1980 das dritte "Festival internacional do munda celta" statt, von dem einige Mitschnitte v.a. mit Dudelsäcken und Drehleiern auf eine LP gebracht wurden:


 Der Jacobsweg Seite 3  Der Jacobsweg Seite 3 













Texte und Fotos

© Wieland Ulrichs

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